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  • Thomas Andresen

Gratwanderung: Zweifel, Verantwortung, Masken. Walking on the edge: doubts, responsibility, masks.


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Neulich wurde ich in der Praxis gefragt, ob ich ein Corona-Leugner sei. Nein, das bin ich nicht. Aber es war eine raffinierte Frage, klopft sie doch am Gewissen und dem Verantwortungsgefühl an. Und so bin ich sehr dankbar für diese Frage, hat sie mich doch dazu eingeladen, meine Position einmal mehr neu zu bestimmen. Einerseits, oberflächlich, im konkreten Bezug zu Covid-19, zum anderen, in der Tiefe, in Bezug auf die Frage, was denn Verantwortung heißt und bedeutet.

Ja, meine Persönlichkeit hat gewisse rebellische Anteile. Ich bin eigensinnig. Vieles, worüber Menschen sich den Kopf zerbrechen, interessiert mich nicht. Vorgekaute Meinungen und sogenanntes Wissen bedeuten mir kaum noch etwas. Was landläufig unter Bildung verstanden wird, hinterfrage ich ebenfalls kritisch, denn Manches davon ist schlichtweg leblos. Das Rebellische in mir hat seine Wurzel in meinem treuesten Weggefährten – dem Zweifel. Anders als zu vermuten jedoch nicht in erster Linie in Bezug auf andere, nein, vor allem in Bezug auf meinen Weg, mein Denken, mein Fühlen, mein Wirken, mein Sein. Aus dieser Ver-Zwei-Flung entsteht die Möglichkeit, die Dinge und mich selbst mit mehr Abstand zu sehen und verschiedene Blickwinkel auf ein- und dieselbe Sache einzunehmen – ohne Anspruch darauf, eine allgemein gültige Wahrheit zu erkennen.

Im Alltagsmodus lebt jeder von uns in seiner eigenen Welt. Denn Wahrnehmung entsteht aus der Kombination von Sinnesreizen und deren Interpretation auf Basis mitgebrachter Erfahrungen, Prägung und Konditionierung, sowie zurückliegender persönlicher Erlebnisse, auch Traumata. Es gibt also keine richtige und falsche Wahrnehmung – somit auch nur bedingt richtiges oder falsches Verhalten. Logik greift nicht, wenn es um Lebendigkeit geht. Dies zeigt sich auch in der fehlenden Stringenz bezüglich des Umgangs und der Regeln und Maßnahmen in Bezug auf Covid-19, sowohl des Einzelnen, als auch in unserer Gesellschaft und auch der verschiedenen Bundesländer und Staaten. Und daran reibe ich mich auch nicht. Denn für mein Empfinden gibt es nur die Gesetze der Natur. Im Gewahrsein unser aller Verbundenheit und dem Bewusstsein, dass wir Teil der Schöpfung sind, ist ein achtsamer und liebevoller Umgang miteinander und mit unserer Umwelt die selbst-verständliche Grundmelodie. Diese ist für mich immer hörbar und existent. Darüber gelagert haben sich gesellschaftliche und kulturelle Übereinkünfte über gewisse Werte. Diese basieren jedoch auch auf den Erlebnissen und Erfahrungen der vorangegangenen Generationen. Und solche kulturellen Wertmaßstäbe ändern sich sehr langsam. In einer wissenschaftlichen Studie würde man von einem Bias sprechen, einem systemischen Fehler: Oft werden Entscheidungen getroffen, die auf Annahmen und Werten beruhen, die nicht aktuell sind und nicht – oder zumindest nur sehr zeitversetzt – aktualisiert werden. Gerade die Ausnahmesituation der letzten Wochen hat uns eine Möglichkeit oder gar die Notwendigkeit geschaffen, unseren Autopilot-Alltagsmodus differenziert und mit etwas Abstand zu betrachten. Insbesondere durch die für viele zwangsweise Entschleunigung und das Social Distancing wurde jeder in einem gewissen Umfang auf sich zurückgeworfen. In dieser Stimmung ist es sichtbar geworden, wie viel kollektiv unterdrückte Gefühle von Angst und Schuld wir noch aus den Vorgenerationen in uns tragen. Eine besondere Verzerrung, vielleicht sogar Verwirrung, nehme ich dabei wahr in Bezug auf das Thema der Verantwortung. Die Krönung (Coronation) dessen findet sich für mich in der Manipulation unseres Gewissens in Bezug auf die Masken. „Das Tragen einer Maske dient primär dem Schutz anderer“. Das mag für einen Operationssaal zutreffend sein. Dort gehören die Masken im Alltag auch hin. Für unser aller Alltag jedoch zweifle ich diese Variante stark an. Für mich wird darin offenkundig, was sich als roter Faden durch die letzten Wochen zieht, aber auch ohne Covid-19 schon seit jeher im Verhalten vieler zu Tage tritt: Die Angst davor, sich schuldig zu machen oder dessen bezichtigt zu werden. Die meisten Menschen, denen ich begegnet bin und mit denen ich Kontakt hatte, haben für sich keine oder kaum Angst vor einer Corona-Infektion. Aber viele tragen eine Sorge in sich, sich als Überträger schuldig zu machen – man könnte sie ja verantwortlich dafür machen. Ich bleibe dabei: Wir sind Natur. Und genauso sind es Tiere, Pflanzen, Bakterien, Viren. Wir können bedingt etwas für unsere innere Balance und Gesundheit tun, nicht aber gegen Krankheit oder Tod. Kann man jemals jemanden für den Tod verantwortlich machen, wenn jeder der oben genannten Grundmelodie gewahr ist und lauscht? Wie weit haben wir uns von der – unserer – Natur entfernt, dass wir entweder Angst vor ihr haben und/oder glauben, uns über sie erheben, sie kontrollieren zu können?

Ich weiß nur zu gut, wie es sich anfühlt, auf sich zurückgeworfen zu sein: Es begegnet mir in meinem Zweifeln mit seinen mitunter tief schmerzhaften Episoden des Empfindens von Sinnlosigkeit und des Unverstandenseins, der Einsamkeit und des Alleinseins. In Momenten, in denen mir Vieles sinnlos erscheint, tauchen zwei wunderbare Fragen auf. Die erste Frage die sich stellt, ist, ob es denn überhaupt Sinn machen muss und vor allem, wer da ist, der meint, über diesen Sinn bestimmen zu können oder zu müssen. Und da ist es enttarnt – ich stolpere in diesen Fragen auch über meine Werte, die aus meiner Biographie entstanden sind, begehe ebenfalls einen systemischen Fehler. Diese Erkenntnis entzieht der ersten Frage die Grundlage, sie transformiert sie zu einer zweiten, tiefer führenden Frage. Diese ringt damit, worum es mir denn letztlich geht, was mir etwas bedeutet, was mir Leben wertvoll macht, wofür mein Herz schlägt. Ohne Ausweg lädt sie dazu ein, sich und mich der einzigen Sicherheit des Lebens aufmerksam zuzuwenden: dem Tod.

Mit wachsender Akzeptanz, dass der Tod Teil des Lebens ist und wir – abhängig vom Blickwinkel – immer allein oder doch nie getrennt waren, entsteht die Freiheit der Eigenverantwortung. Ich kann nur für mein Leben die Verantwortung tragen. Ich kann anderen meine Hand, meine Liebe, meine Fürsorge anbieten, anderen dienen. Aber ich werde nie den Weg für jemand anders gehen können. Jeder geht, ohne dass dies irgendjemand bewerten muss, auf dem Weg, den das Leben ihm weist.

Was uns abhält, diesen Weg klar und entschieden zu gehen, ist unsere Persönlichkeit. Sie ist das verzerrte Bild unseres Selbst. Solange wir uns mehr von der Liebe anderer, als der Liebe zum Selbst nähren, versuchen wir zu gefallen. Durch diese in jungen Jahren natürliche Abhängigkeit von unserem Umfeld wurden wir konditioniert und geprägt, wie wir sein sollen, um uns in die Gesellschaft einzupassen. Wir haben gelernt, eine Maske zu tragen. Persona, kommend aus dem Lateinischen, bedeutet Maske. Vor diesem Hintergrund kann die Diskussion über Sinn und Unsinn von Masken, von Studien pro und Studien kontra deren Wirksamkeit auf eine andere Ebene gehoben werden: Sind wir reif, für uns selbst die Verantwortung zu übernehmen und andere in ihre Eigenverantwortung einzuladen? Wenn wir demütig sind, unsere individuelle Unbedeutsamkeit anerkennen und gleichzeitig uns des Lebens-Wertes bewusst an das Leben hingeben, dann kann dies auch für Covid-19 eine Orientierung geben. Viel bedeutsamer ist aber für mein Gefühl und meine Perspektive, dass wir uns trauen, die wahren Masken, die unserer Persönlichkeit, abzulegen und uns auf die so einfache Grundmelodie besinnen. Trinken wir nicht alle von derselben Quelle? Finden wir nicht jeder tief in sich Freude, Dankbarkeit, Frieden und Liebe? Was ein Geschenk, vom Leben immer wieder neu eingeladen zu werden, es zu entdecken!

+++++++++ENGLISH VERSION+++++++++++++++++++++++++++++++++++

The other day, I was asked in my office if I was a Corona denier. No, I'm not a Corona denier. But it was a subtle question, since it taps into your consciousness and sense of responsibility. And so I am very grateful for this question, since it invited me to redefine my position once again. On the one hand, superficially, in the concrete reference to Covid-19, on the other hand, in depth, in relation to the question of what is the meaning of responsibility.

Yes, there are certain rebellious parts to my personality. I'm stubborn. There's a lot of things people worry about that don't interest me. I don't care about chewed-up opinions and so-called knowledge anymore. What is commonly understood by education, I also question critically, because some of it is simply lifeless. The rebelliousness in me has its roots in my most faithful companion - doubt. Contrary to what one might think, however, not primarily in relation to others, no, especially in relation to my way, my thinking, my feeling, my working, my being.Out of this inner disruption arises the possibility to see things and myself with more distance and to take different perspectives on one and the same thing - without claiming to recognize a generally valid truth. Out of this dispair arises the possibility to see things and myself with more distance and to take different perspectives on one and the same thing - without claiming to recognize a generally valid truth.

In everyday life each of us lives in his own world. Perception is the result of a combination of sensory stimuli and their interpretation on the basis of experiences, imprinting and conditioning, as well as past personal experiences, including traumas. So there is no correct and wrong perception - therefore it is limited to name behaviour as right or wrong. Logic does not work when it comes to liveliness. This is also evident in the lack of stringency in the way Covid-19 is handled and in the rules and measures that apply to Covid-19, both to the individual and to our society, as well as to the various states and provinces. And I don't mind that either. Because for my perception there are only the laws of nature. In the awareness of our connectedness and the consciousness that we are part of creation, a mindful and loving contact with each other and with our environment is the self-evident basic melody. This is always listenable and present for me. On top of this, there are social and cultural agreements about certain values. However, these are also based on the experiences of previous generations. And such cultural values change very slowly. In a scientific study one would speak of a bias, a systemic error: often decisions are made based on assumptions and values that are not up to date and are not - or at least only very time-delayed - updated. The exceptional situation of the last few weeks in particular has created an opportunity or even a necessity for us to take a differentiated and somewhat distanced view of our autopilot everyday mode. In particular, the forced deceleration and social distancing that many have been forced to experience has to a certain extent thrown everyone back on their heels. In this mood, it has become visible how much collectively suppressed feelings of fear and guilt we still carry within us from previous generations. A particular distortion, perhaps even confusion, I perceive here in relation to the issue of responsibility. The coronation of this can be found for me in the manipulation of our conscience in relation to the masks. "The wearing of a mask serves primarily to protect others". That may be true for an operating room. There the masks also belong in the everyday life. But for all of our everyday lives, I strongly doubt this version. For me, it reveals what has been the common thread running through the last weeks, but also what has always been evident in the behaviour of many people without Covid-19: The fear of being guilty or being accused of it. Most of the people I have met and had contact with have little or no fear of a corona infection. But many of them are worried about being guilty as carriers - one could blame them. I stick to it: we are nature. And so are animals, plants, bacteria and viruses. We can partly do something for our inner balance and health, but not against illness or death. Can you ever blame someone for death if everyone is aware of and listens to the basic melody mentioned above? How far away from - our - nature are we that we are afraid of it and/or think we can rise above it, control it?

I know only too well what it feels like to be thrown back on oneself: I encounter that feeling in my doubts with their sometimes deeply painful episodes of feeling senseless and not understood, loneliness and being alone. In moments when many things seem meaningless to me, two wonderful questions arise. The first question that arises is whether it must make sense at all, and beyond that, who is there who thinks about this sense. And here it is uncovered - in these questions I also stumble over my values, which have arisen from my biography, also commit a systemic error. This insight removes the basis of the first question, it transforms it into a second, deeper question. This question struggles with what I am ultimately interested in, what matters to me, what makes life valuable to me, what my heart is beating for. With no way out, it invites us to turn our attention to the only certainty of life: death.

With a growing acceptance that death is part of life and that we - depending on the point of view - have always been alone or never been separated, the freedom of personal responsibility arises. I can only take responsibility for my life. I can offer my hand, my love, my care to others, serve others. But I will never be able to walk the path for anyone else. Everyone walks, without anyone having to evaluate it, on the path that life shows him.

What hinders us from walking this way clearly and decisively is our personality. It is the distorted image of ourselves. As long as we nurture ourselves more from the love of others than from the love of the Self, we try to please. This natural dependence on our environment at a young age has conditioned and shaped us to be the way we should be in order to fit into society. We have learned to wear a mask. Persona, coming from Latin, means mask. Against this background, the discussion about the sense and nonsense of masks, of studies for and studies against their usefulness can be raised to another level: Are we mature enough to take responsibility for ourselves and invite others to take responsibility for themselves? If we are humble, acknowledge our individual insignificance and at the same time consciously surrender to the value of life, then this can also provide orientation for Covid-19. But much more important for my feeling and my perspective is that we have the courage to take off the true masks, the masks of our personality, and reflect on the simple basic melody. Do we not all drink from the same source? Don't we all find joy, gratitude, peace and love deep within ourselves? What a gift to be invited by life again and again to discover it!

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